Big in Berlin tonight! – Reisetipps gesucht

Hals über Kopf bin ich von Platz 30 der Nachrückerliste irgendwie doch noch in den Genuss gekommen einer Einladung des Bundestages folgen zu dürfen: Der Mitbewohner und ich fahren nach Berlin. Und das völlig unvorbereitet!

Die erste Hürde ist genommen, wir haben ein barrierefreies Hotelzimmer, weit über unserem eigentlich Budget, aber ach, was solls. Barrierefreie Zimmer in Berlin bucht man am besten nicht erst zehn Tage vorher und nicht wenn irgendeine schicke Messe in Berlin ist und alle Hotels ihre Kontingente für irgendwelche verschnarchten Firmen aufheben, denen anscheinend im letzten Moment noch einfällt zwanzig Zimmer für den doppelten, ach was, dreifachen Preis buchen zu wollen. Soll vorkommen. Anscheinend ständig. „Ja, wir man Messe, da sind Se aber spät dran!“, schallte es uns von allen Seiten entgegen. Aber wir haben jetzt ein Zimmer. Eine Station vom Hauptbahnhof weg.

Aber: Ich bin entgegen meiner sonstigen Planungswut überhaupt nicht vorbereitet. Und betrachte ich die nächsten Arbeitstage, wird das auch nichts mehr mit ausgiebiger Planung. Heute hat es schon fast eine Stunde gedauert herauszufinden wie ich zum Konferenzort am besten komme. Viertel Stunde laufen, drei Minuten S-Bahn fahren, acht minuten Umsteigen, eine Minute Bus fahren, viertel Stunde laufen. Soweit so doof. Ein Abgleich mit der Navigationsapp ergab: Es müsste auch in einer halben Stunde zu Fuß zu schaffen sein. Also laufen wir jetzt.

Ich weiß immerhin schon, dass es in S- und U-Bahnen Rampen gibt und dass man die in der Regel beim Fahrer bekommt. Danach hört es aber auf. Abzüglich der Konferenzzeit bleiben mir anderthalb Tage in Berlin. Was will ich machen? Was will ich sehen? Das letzte Mal da war ich vor über 10 Jahren und klassische Touristenziele Mauer-Reichstag-Brandenburger Tor oder Schlösser und Kirchen müssen es jetzt nicht mehr unbedingt sein. Damals war ich zwanzig Jahre alt und fotografierte Berlin in bedeutungsschwangerem Schwarzweiß. Das schien mir wohl irgendwie angebracht angesichts von so viel geschichtsbuchwichtigtem Gemäuer.

Und nun, 2016?Ich mag Fotografie und Kunst, am liebsten nicht älter als Fin de Siècle, ich mag bummeln und schöne Dinge. Ich mag Wasser, Wörter und Wissen; Essen, Atmosphäre und kleine Wunder. Ich mag die Stadt erfahren und habe dafür gefühlt viel zu wenig Zeit.

Also bitte bitte her mit den Berlin-Tipps, am besten rollstuhltauglich (aber das lässt sich dann immernoch herausfinden). Wo sollte ich am besten meine anderthalb Tage Berlin verbringen? Was sollte ich sehen, riechen, fühlen, schmecken?

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Müssen-mal-reden-Mittwoch am Donnerstag: Das alte Lied vom Leiden – schade um die Paralympics

Da ich gestern viel zu viel gearbeitet habe, gibt es den Redebedarf heute am Donnerstag, denn eins ist nach meinem Fernsehausflug zu den paralympics sicher: Wir müssen mal reden. Aber dringend!

„Schaust du auch Paralympics?“, wurde ich in den letzten Tagen gleich dreimal gefragt. Nun ja: Ich bin ja im Grunde kein sportlicher Mensch und schon froh, wenn ich morgens, an meine Assistenz geklammert, die drei Schritte zwischen Duschstuhl und Waschbecken schwungvoll absolviere. Auch ohne meine Behinderung wäre ich vermutlich unsportlich und wenig sportbegeistert. Weil ich Eröffnungsshows mag und glückliche Gesicheter, internationales Zusammenkommen und ein bisschen Trubel habe ich dann doch „Paralympics geschaut“.

Wäre mein Mitbewohner nicht schon wach gewesen, er wäre es geworden. War ich anfangs noch entspannt und werkelte während der Berichterstattung an irgendwelchem Kreativkram herum, musste ich meiner Empörung bald laut Luft machen. Mein Mitbewohner eilte müde herbei, hellwach und fassungslos saßen wir beide schon bald vor dem Fernseher. Was war passiert?

Eine Athletin ist kein kleines Kind

Im Studio des ZDF wurden die Gewinner des letzten Tages interviewt. Doch die Art und Weise war einfach nur merkwürdig. Ich mag als Germanistin empfindlich sein, aber Claudia Nicoleitzik ist doch kein kleines Kind! Sie lebt mit einer Ataxie, d.h. sie hat Schwierigkeiten mit bestimmten Bereichen ihrer Bewegungskoordnination, sie wirkt feingliedrig und fragil, antwortet überlegt, vor allem ist sie eine erwachsene Frau und eine herausragende Athletin, die am Vortag eine Silbermedaille gewonnen hat. Ich frage meinen Mitbewohner ob ich überreagiere, er verneint. Der nichtbehinderte Moderator klingt als spräche er mit einem Kind und nicht mit einer Spitzensportlerin. Ich ärgere mich, doch es wird noch besser.

Audiokommentatoren am Rande der Verzweiflung

Ich schaue Sportveranstaltungen eigentlich gerne mit Audiokommentar. Ein Audiokommentar ist eine beschreibende Tonspur für Blinde und Sehbehinderte, die man über den Zweikanalton des Fernsehers abrufen kann. In Deutschland werden leider sehr wenige Filme, Sendungen oder Sportereignisse mit Audiokommentar gesendet, auch auf viel zu wenigen DVDs ist ein Audiokommentar enthalten. Ihn zu erstellen ist nicht einfach: Teams aus bis zu drei Menschen beschäftigen sich tagelang mit nichts anderem, als die Pausen zwischen den Dialogen möglichst geschickt zu nutzen um blinden oder sehbehinderten Zuschauern zu beschreiben was gerade nonverbal passiert. Wer die Türe zuschlägt, wer in welches Auto steigt und ob er durch Neukölln oder durch Sonnenblumenfelder fährt. Das ist anspruchsvoll und noch anspruchsvoller, wenn man Sportereignisse sozusagen live kommentieren muss. Schreibt man den Kommentar für einen Film, kann man immer wieder zurückspulen und die selbe Stelle noch einmal sehen, kann so lange einsprechen, bis der Text in die Lücke passt. Live geht das nicht, man weiß nie wie lange die Lücke ist, was gleich passiert und wann ein Interview gesendet wird.

Die Fußballweltmeisterschaft, oder jetzt auch die Europameisterschaft, wurden mit Audiokommentar im Zweikanalton gesendet. Und das super so, denn ohne den Audiokommentar hätte ich kein einziges Spiel gesehen. Während die Kommentaroren für den sehenden Zuschauer oft schweigen und nur die Namen der Spieler einsagen, beschreiben die Audiokommentatoren für Blinde genau was gerade auf dem Spielfeld passiert und das so gut, dass selbst ich als sehende Fußballregel-Null es kapiere und spannend finde. Die Fußballkommentatoren machen das immer wieder super, doch schon bei den Audiokommentatoren für Olympia wurde klar: Sie sind mit der Vielfalt der Sportarten überfordert und ergehen sich in eher unwichtigen Beschreibungen wie die Farbe der Haargummis und Frisurlängen.

Da der Mitbewohner blind ist, schalten wir irgendwann in den Audiokommentar, schnell ist klar: Man hat das Team von Olympia auch hier engagiert und wieder erzählt die Kommentatorin von Frisuren, Kleidungsfarben und kapiert manchmal selbst nicht so ganz was die Sportler da treiben. Ich muss einspringen, damit der Mitbewohner an manchen Stellen überhaupt versteht was die Sportler da tun. Wir sind enttäuscht und hätten uns geschultere Audiokommentatoren und mehr Sportmoderation gewünscht.

Das alte Lied vom Leiden oder „Gab es da denn keine Vorbereitung?“

Ich frage den Mitbewohner ob ihn die Farbe der Haargummis der Judoka interessiert, er verneint, also schalten wir wieder um und hören den allgemeinen Kommentar. Mittlerweile sind wir beim Tischtennis und der nächste Tiefpunkt wartet schon: Während Valentin Baus an der Platte kämpft und athletisch alles aus sich heraus holt, ist sich die Stimme aus dem off nicht zu blöde zu betonen, dass Valentin „an der Glasknochenkrankeit leidet“. In diesem kleinen Wort „leiden“ hängt eine ganze Menge: Nichtbehinderten Menschen mag das manchmal nicht klar sein, aber die Unterstellung von „Leiden“ sobald jemand eine Behinderung hat ist so 90er, nein sogar letztes Jahrtausend, das geht einfach gar nicht mehr!

Jemandem aufgrund einer Behinderung durch solch einen Satz auch ein „Leiden“ zu unterstellen ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern übergriffig, verletzend und diskriminierend. Niemand mit einer Behinderung leidet automatisch unter dieser. Für die meisten behinderten Menschen ist ihre Behinderung eine Eigenschaft, die manchmal mehr Aufwand erfordert als eine große Nase, aber sie managen diese selbstständig. Von Leid kann keine Rede sein. Wer behinderten Menschen automatisch auch Leiden unterstellt, begegnet ihnen nicht auf Augenhöhe, macht sie bemitleidens- und bedauernswert. So erleben sich Menschen mit Behinderung in der Regel aber nicht. Und sie so darzustellen ist völlig unangebracht. Medien haben Verantwortung, ihre Sprache zeichnet die Wahrnehmung der Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft. Wenn Menschen mit Behinderung ständig „Leid“ impliziert wird, ist es kein Wunder, dass ihnen mit Fürsorgedenken und Diskriminierung begegnet wird. Wer stellt schon jemanden ein, der ständig leidet? Wer geht schon gerne mit jemandem ins Kino, wenn er befürchten muss, dass dieser innerlich auf dem Boden wälzt und vor Leiden schreit?

Sprache zeugt davon, wie wir unsere Wirklichkeit wahrnehmen, sie schafft aber auch Wirklichkeiten. Aus dem Diskurs um eine gendergerechte Sprache kennen wir diese Überlegungen. Wer öffentlich spricht hat auch eine große Macht, vor allem, wenn er dies in einem Kontext tut, der harmlos erscheint, wie der einer Sportveranstaltung. Wenn ein Kommentator einem behinderten Athleten „Leiden“ unter seiner Behinderung unterstellt, beeinflusst er damit die Wahrnehmung seiner Zuschauer. Seine sportliche Leistung verschwindet hinter einer mitleidsschwangeren Emotionstümelei. Ganz abgesehen davon wird ein Bild von Behinderung vermittelt, das völlig überholt ist. Es übersieht völlig die soziale Dimension von Behinderung und dass die meisten Barrieren und Hemnisse zur Inklusion nicht im Individuum, sondern in der Reaktion der Gesellschaft, dem nicht angepassten Umfeld, der Ahnungslosigkeit und den Berührungsängsten bestehen.

Dass sich nicht jeder Einzelne damit auseinandergesetzt hat ist schade. aber nachvollziehbar. Von Journalisten und Kommentatoren, die Medien und damit Wirklichkeit schaffen, darf man das allerdings schon erwarten. Dass dabei manch einer daneben zielt und Anlass für Amüsierung, Genervtheit und Kopfschütteln (je nach Tagesform) bietet, passiert immer wieder. Dass ein Medienorgan wie das ZDF es allerdings nicht schafft seine Moderatoren, Kommentatoren und Journalisten vor der mehrtägigen Berichterstattung über ein internationales Behindertensportereignis entsprechend zu schulen oder sie wenigstens mal kurz danach googeln zu lassen (www.leidmedien.de kümmert sich seit Jahren um dieses Thema und ist mittlerweile bekannt genug. Es gibt Flyer vom Bundesministerium usw.) wie man denn adäquat und auf Augenhöhe über Menschen mit Behinderung berichtet, die dann drei Stunden lang pro Abend mit ihren sportlichen Leistungen im Vordergrund stehen, ist einfach nur unfassbar und zeugt von Ignoranz.

Dass das ZDF mit dem Lied vom Leid leider nicht alleine da steht, zeigt eine anderthalbminütige Internetrecherche: Valentin Baus leidet nicht nur im ZDF, sondern auch bei Sport1, Spiegel online und etlichen anderen. Lediglich Radio Bochum schafft es neutral zu formulieren, dass Herr Baus mit Glasknochen lebt und im Rollstuhl sitzt. Damit wird auch die Chance verspielt ein solches Großereignis von öffentlichem Interesse zu nutzen, um bewusst losgelöst von den alten Fürsorge- und Leid-Bildern über Menschen mit Behinderung zu berichten. Selten liefert eine Veranstaltung dazu eine so einfache Vorlage wie die Paralympics.

Der einzige Lichtblick in dieser Paralympics-Nacht bleibt der Kommentar zum Rollstuhl-Basketball. Hier kommentiert der Sprecher ein sportliches Ereignis, erklärt anfangs was anders ist als beim Basketball für Fußgänger und welchen Regeln die Klassifizierungen bei internationalen Rollstuhl-Basketballtspielen unterliegen. Danach kann es los gehen, überwiegt die Begeisterung für die sportliche Leistung, die Bewegungen, die Taktik und am Ende ist es sehr schade, dass die Mannschaft aus Deutschland unterliegt.

Das Tollste am Tag #01: Im Auto mit Bowie

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In jedem Leben passiert viel Mist, aber auch viel Tolles. Es gibt Phasen da scheint nichts zu klappen. Damit man das Tolle nicht vergisst, muss es festgehalten werden. Hier entsteht meine persönliche Liste an Tollen Dingen, erlebt auf Hüfthöhe, der Rollstuhlperspektive. Es geht darum nicht zu vergessen: Es gibt sie, die schönen Augenblicke, die aufregenden Situationen, die perfekten Momente – kurz: Das Tollste am Tag.

Es ist Freitag und ich fahre Auto. Noch vor ein paar Tagen hätte ich diesen Satz nicht schreiben können. Allein, dass ich mit über 30 Jahren endlich meinen Führerschein machen kann, ist ein kleines Wunder und ich bin voller Vorfreude auf die lockende Freiheit und Selbstbestimmung. Bis ich tatsächlich meinen Führerschein in den Händen halte werden noch viele Wochen, bis ich tatsächlich ein eigenes, speziell umgebautes Auto besitzen werde vermutlich noch Monate vergehen. Es wird noch eine Menge Papierkrieg (Hallo Land der Bürokratie!), Finanzierungsfragen, Anträge und anmaßende Manöver wie den Wechsel von einem TÜV-Bezirk in einen anderen brauchen, bis ich tatsächlich selbst mein Auto lenken werde. Aber jetzt ist erst einmal Freitag und ich lerne Autofahren. In einer der beiden einzigen Fahrschulen in diesem Bundesland, in denen das mit Elektrorollstuhl möglich ist. Ich stelle mich dabei gar nicht so doof an und habe taktisch tiefgestapelt, obwohl ich ja schon wusste: Ich bin ein Automensch, ich liebe Autofahren, ich habe schon früher 1500km-Urlaubsfahrten ohne Murren auf dem Rücksitz des Opel Kadett Caravans heinlich genossen. Ich mache das einfach gerne, es fühlt sich super für mich an. Ein bisschen wie nochmal 18 sein, ein bisschen wie Freiheit und Abenteuer.

Aber zurück zum tollsten Moment des Tages: Ich sitze im Auto, steuere den Van mit Spezialsteuerung und Gas-Brems-Hebel durch die Landschaft. Bin ein bisschen aufgeregt, will alles richtig machen, der Fahrlehrer und ich quatschen manchmal, regen uns über die Nachrichten auf, dann schweigen wir wieder. Das Radio ist ein typisches Radio und die Musik meistens dröge. Das Beste aus den 80ern, 90ern und von heute. Die Sonne scheint, es ist bestes Sommerferienwetter und dann plötzlich passt einfach alles:

Das Radio spielt David Bowies Heroes. Der Moment ist perfekt und sureal. Ich möchte meinen Fahrlehrer kneifen und wie in „The perks of being a wallflower“ rufen „Das ist der Tunnelsong!“, ich möchte mich kneifen und mir selbst zu rufen „Du lernst wirklich Autofahren. Dieser Moment ist echt. Ist das nicht verrückt? Und jetzt spielen sie auch noch Bowie, dieses Lied, auch wenn dich und das Auto keine Berliner Mauer trennt, jetzt ist alles möglich, du wirst alles schaffen!“

Natürlich würde der Fahrlehrer das nicht verstehen und sonst ist keiner im Auto. Also lächele ich, summe leise mit, schaue in die Sommerlandschaft. Innerlich bin ich euphorisch, kann mich kaum halten und weiß: Das war heute das Tollste am Tag, das war mein Moment. Und es ist wahr:

We can be heroes
Just for one day

Danke Bowie.

Foto: https://wallpaperscraft.com/