Das Tollste am Tag #02: Und dann singt Judith über Elefanten

In jedem Leben passiert viel Mist, aber auch viel Tolles. Es gibt Phasen da scheint nichts zu klappen. Damit man das Tolle nicht vergisst, muss es festgehalten werden. Hier entsteht meine persönliche Liste an Tollen Dingen, erlebt auf Hüfthöhe, der Rollstuhlperspektive. Es geht darum nicht zu vergessen: Es gibt sie, die schönen Augenblicke, die aufregenden Situationen, die perfekten Momente – kurz: Das Tollste am Tag.

Es ist Samstag und unglaublich heiß in diesem Gewölbekeller, in dem ich schon so viele Konzerte gesehen habe. In dessen klapperigem Aufzug ich immer kurz die Luft anhalte, ob er mich auch wieder heil ausspuckt, in dem ich geliebt, getanzt und geweint habe. Aber heute bin ich mit Löwenherz da, der Großkatze meines Vertrauens und auf der Bühne gibt Judith Holofernes in einer schillerndgrünen Mischung aus Drachenhaut und Regenmantel alles was ein Mensch geben kann. Wir sind vor einer der gemauerten Säulen gelandet, die das Gewölbe gleich Fliegenpilzstielen tragen, und der Schall wiederhallt von allen Seiten. Musik überall. Oben, unten, von vorne und hinten und vor allem in mir. Ich liebe diese Musik seit so vielen Jahren, die Sprache zwischen Poesie und Ironie, all die feinen Sprachspielereien, die Ideen und Judiths, die alles sagen und singen darf, was sonst vielleicht kitschig wäre, weil ihre Stimme nicht nur „schön“ ist.

Und mir fällt ein, dass ich seit jeher die unperfekten Kleinigkeiten liebe, die Stimmen, die mehr Emotionen als perfekte Klänge übermitteln, dass mich trostlose Orte in Städten anrühren und ich Menschen, vor allem mein Löwenherz, für ihre vielen kleinen Unperfektheiten liebe, die sie perfekt zu mir passen lässt. Nichts langweiligeres als Leben, in denen alles glatt läuft und Menschen, die scheinbar alles im Griff haben, ohne jede Schwäche, jeden Tick, jeden Makel.

Dann ist alles lebendig, alles ist Musik und mir wird morgen jede noch so kleine verbliebene Muskelfaser wehtun, vor wackeln und zappeln, also tanzen, versteht sich. Aber jetzt ist jetzt und ohne morgen. Die nächsten Töne kommen mir sehr vertraut vor. „Das ist der Elefant“, ruft Löwenherz und strahlt. Ich brauche einen Sekundenbruchteil länger, bis ich verstehe: Das ist das Lied, das ich ihm am Morgen nach unserem ersten richtigen Streit geschickt habe. Das unser Lied wurde. Das davon handelt für den anderen über sich hinaus zu wachsen und ihn zu tragen, egal was passiert. Und bei ihm sein zu wollen und ihn zu begleiten, bis über den Fluss, bis zum Atemende.
Das ist unser Lied. So kitschig das klingt.
Und das ist der perfekte Moment.
Das Tollste am Tag. Auch ohne geliebten Makel.

 

Foto: Laura Drzymalla für die Badische Zeitung

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