Jetzt bitte ganz stark sein #02: Die Klatsch-Attrappe

Es gibt Momente, da muss man ganz stark sein. Zum Beispiel, wenn Vorurteile fallen und das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Diese Reihe ist ein kleiner Service zur Entzauberung der Wirklichkeit. Und das tut gar nicht weh. Versprochen!

 Das Ensemble verbeugt sich zum dritten Mal, die Band verschwindet hinter der Bühne, „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“ beendet als letzte Powerpointfolie den interessanten Vortrag – in allen Fällen brandet er los: Der Applaus. Das Publikum klatscht, das Ensemble verbeugt sich ein weiteres Mal, die Band kommt zur Zugabe, der Vortragende macht noch einen abschließenden Witz – wieder wird geklatscht, begeistert, hingerissen, anerkennend, auf Teufel komm raus.

Auch ich sitze da, ich lege eine Hand mit dem Rücken nach oben vor mich, die andere darüber und klopfe mit der Innenseite der einen auf den Rücken der anderen Hand. Sie sehen eine kleine, dicke frau im Rollstuhl, die etwas komisch klatscht. Ich weiß: Sieht aus wie Klatschen, aber jetzt müssen Sie ganz stark sein: Alles fake.

Es klatscht gar nicht!

Wäre es im Raum um mich herum still, könnten Sie es hören: Mein Klatschen ist nur Attrappe, es erzeugt kein einziges Geräusch. Es ist ein Trick, um nicht als übellauniger Gnom im Rollstuhl wahrgenommen zu werden, der nicht mal klatscht, wenn kleine Kinder niedliche Lieder aufführen.

Kleine Kinder klatschen zu Spielliedern, man klatscht vor Freude in die Hände und sich gegenseitig auch schon mal ab. Klatschen ist eine einfache Handbewegung. Man führt die aufgerichteten Hände auf Körpermitte zusammen und schlägt die nach innen gerichteten Handflächen gegeneinander. Das kann jedes Kind. Kein Wunder, dass sich diese Handbewegung international als Zeichen von Begeisterung und Anerkennung durchgesetzt hat.

Auch ich sitze begeistert im Theater, im Konzert, im Vortrag. Die Sache hat nur einen Haken: Ich kann gar nicht mehr klatschen!

Die Arme auf Körpermitte heben? Fehlanzeige.
Die Hände so aufrichten, dass die Handflächen nach innen zeigen? Kann ich schon lange nicht mehr.
Die Handflächen gegeneinander schlagen? Daran erinnere ich mich nicht mal mehr.

Nicht klatschen ist aber unhöflich. Klatschen ist in unserer Gesellschaft ein Zeichen von Respekt. Wer nicht klatscht, dem hat es nicht gefallen, der schätzt die dargebrachte Leistung nicht, der ist ein ungehobelter Klotz ohne Sozialkontakte. ich mochte die Darbietung aber, ich kann es nur nicht lautstark zeigen. Was für ein Dilemma.

Das sind die kleinen, sozialen Hürden im Alltag mit einer Muskelerkrankung. Ich werde immer schwächer und verletze unabsichtlich Konventionen. Weil ich Dinge nicht mehr kann. Anders als bauliche Barrieren, sind diese aber nicht offensichtlich. Wer gesellschaftliche Rituale nicht erfüllt, wird schnell zum Sonderling gestempelt, ein Status, mit dem man als Rollstuhlfahrer_in ja ohnehin zu kämpfen hat.

Ähnlich geht es mir mit Händeschütteln. Im Zweiergespräch oder in einer kleinen Gruppe ist das einfach, selbst bei einem Vortrag kann ich Dinge richtig stellen. Gibt es direkten Kontakt mit meinen Gegenübern kann ich sagen: „Wenn ich Ihnen allen einzeln die Hand gebe, kann ich heute Abend nicht mal mehr die Zahnbürste halten, deswegen winke ich jetzt. Fühlen Sie sich einfach Hand-geschüttelt!“ Und alle lachen. Keiner hält mich für kauzig oder unhöflich.

Nun kann ich im Publikum sitzend ja schlecht ein Megaphon auspacken und schreien: „Entschuldigung, ich kann halt nicht klatschen, aber sehen Sie, ich lächele wie wild, es hat mir also gefallen!“

Deswegen tue ich so, als würde ich klatschen. Deswegen nutze ich die Klatsch-Attrappe. Ich lege Sie alle rein, ich schwindele Ihnen etwas vor. ich tue so, als könnte ich Klatschen. Warum?

Weil ich nicht unhöflich wirken will, weil ich Anerkennung für eine Leistung zeigen will, weil  man nach einem Vortrag schlecht „oohoohooh“ schreien kann.
Pfeifen konnte ich übrigens noch nie.
Ganz ohne Behinderung.

Und mit den Füßen trampeln?
Das geht ja blöderweise auch nicht.

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2 Gedanken zu “Jetzt bitte ganz stark sein #02: Die Klatsch-Attrappe

  1. Kleine solidarische Geste: Ich weiß bis heute nicht, wie man so mit den Fingern schnipst, dass es ein Geräusch macht. Im Musikunterricht in der Schule muss man aber dauernd schnipsen (leider viel öfter als klatschen), da hab ich dann auch immer still „geschnipst“ und gehofft, dass es keiner merkt.

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