Jetzt bitte ganz stark sein #02: Die Klatsch-Attrappe

Es gibt Momente, da muss man ganz stark sein. Zum Beispiel, wenn Vorurteile fallen und das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Diese Reihe ist ein kleiner Service zur Entzauberung der Wirklichkeit. Und das tut gar nicht weh. Versprochen!

 Das Ensemble verbeugt sich zum dritten Mal, die Band verschwindet hinter der Bühne, „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit“ beendet als letzte Powerpointfolie den interessanten Vortrag – in allen Fällen brandet er los: Der Applaus. Das Publikum klatscht, das Ensemble verbeugt sich ein weiteres Mal, die Band kommt zur Zugabe, der Vortragende macht noch einen abschließenden Witz – wieder wird geklatscht, begeistert, hingerissen, anerkennend, auf Teufel komm raus.

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Das Tollste am Tag #02: Und dann singt Judith über Elefanten

In jedem Leben passiert viel Mist, aber auch viel Tolles. Es gibt Phasen da scheint nichts zu klappen. Damit man das Tolle nicht vergisst, muss es festgehalten werden. Hier entsteht meine persönliche Liste an Tollen Dingen, erlebt auf Hüfthöhe, der Rollstuhlperspektive. Es geht darum nicht zu vergessen: Es gibt sie, die schönen Augenblicke, die aufregenden Situationen, die perfekten Momente – kurz: Das Tollste am Tag.

Es ist Samstag und unglaublich heiß in diesem Gewölbekeller, in dem ich schon so viele Konzerte gesehen habe. In dessen klapperigem Aufzug ich immer kurz die Luft anhalte, ob er mich auch wieder heil ausspuckt, in dem ich geliebt, getanzt und geweint habe. Aber heute bin ich mit Löwenherz da, der Großkatze meines Vertrauens und auf der Bühne gibt Judith Holofernes in einer schillerndgrünen Mischung aus Drachenhaut und Regenmantel alles was ein Mensch geben kann. Wir sind vor einer der gemauerten Säulen gelandet, die das Gewölbe gleich Fliegenpilzstielen tragen, und der Schall wiederhallt von allen Seiten. Musik überall. Weiterlesen »

Jetzt bitte ganz stark sein #01: Kein Glückskeks-Generator

Es gibt Momente, da muss man ganz stark sein. Zum Beispiel, wenn Vorurteile fallen und das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Diese Reihe ist ein kleiner Service zur Entzauberung der Wirklichkeit. Und das tut gar nicht weh. Versprochen!

Oft denken Menschen ja, wer behindert ist, der kennt die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der freut sich über seinen Grashalm, der strebt nur nach dem momentanen Glück, dem reicht es, wenn die Sonne scheint und ihn jemand anlächelt. Oft wurde ich behandelt wie ein goldener Drache der Weisheit, wie ein Buddha, dem man nur über den dicken Bauch streicheln muss und schon spuckt er eine Lebensweisheit aus, die jeden Glückskeks vor Neid zerbröseln lässt.

Nun ist mein Bauch zwar dick, aber  naja… man ahnt es schon, so einfach ist das nicht! Jetzt bitte einmal tief durchatmen und ganz stark sein: Nur weil jemand am laufenden Band schwächer wird, geraten die Dinge nicht automatisch in eine größere, alles weltliche negierende, Relation. Nur weil sich jemand nicht mehr so bewegen kann, erlöschen nicht automatisch alle Macht-, Konsum-, oder körperlichen Bedürfnisse.

Kurz gesagt: Eine Behinderung macht aus niemandem einen besseren Menschen. Wer ohne Behinderung eine olle Pottsau war, der ist es auch mit. Und nur weil ich einen Rollstuhl zur Fortbewegung nutze, heißt das nicht, dass ich nicht auch von Dingen wie Anerkennung und Karriere, einem Haus am Atlantik (hier bitte die Immobilie der Wahl einsetzen) und diesem tollen Kleid, das ich mir gerade einfach nicht leisten kann, träume.

Natürlich wäre ich das gerne: Selbstlos, grundgütig, immer geduldig und immer mit einem huldvollen Lächeln, über all die Wesen, die den höheren Sinn des Daseins nicht verstanden haben und sich mit irdischen Dingen abgeben. Die Wahrheit: So bin ich nicht. Vielleicht zum Glück, denn vermutlich wäre so ein Leben ziemlich langweilig. Würde ich mich immer mit dem zufrieden geben was ich habe, hätte ich nie etwas gewollt, dann hätte ich nie etwas erreicht und nichts verändert.

Natürlich weiß ich, woher diese Vorurteile kommen. Ich bin klug. Und wer sich nicht bewegen kann, hat viel Zeit zum Beobachten. Wer dazu noch reflektieren kann, der macht sich seinen eigenen Reim auf die Dinge. Ich kann mich sprachlich ausdrücken. Deswegen werde ich aber trotzdem grantig, wenn es keine Erdbeeren gibt. Und deswegen habe ich nicht automatisch mehr vom Leben verstanden als jeder anderen. Deswegen bin ich trotzdem grottenschlecht in Mathe und manchmal wie jeder andere auch egoistisch und unfair. Das ist nicht schlimm. Denn man kann mit mir Musik hören, kochen, um die Häuser ziehen, nachdenklich und albern sein wie mit anderen Menschen auch. Es gibt keinen Grund für Positiv-Diskriminierung. Ich, und ich vermute mal die meisten anderen Menschen mit Behinderung auch, haben Ecken und Kante, Schwächen und Talente und können damit ernst genommen werden wie jeder andere auch.

Da steckt nämlich der Beigeschmack vom Buddha-Sockel: Jemand, der über den Dingen steht, ist wieder nicht auf Augenhöhe, kommt wieder nicht als Partner, Arbeitnehmer oder Nachbar in Frage. Jemand, der niedliche Poesiealbum-Weisheiten produziert, dem kann man tief in die Augen blicken und den Kopf tätscheln, gerührt und ein bisschen beeindruckt sein. Aber ernstnehmen muss man ihn nicht.

Mein Leben ist das gegenteil von Poesiealbum. Ich halte nichts von salbungsvollen Sprüchen. Dafür liebe ich anspruchsvolle Wortgewandtheit. Ich bin Atheistin. Ich weiß nicht wohin das Ganze führt. Ich warte wie alle auf das goldene Raumschiff, das eines Tages landet und den Sinn des Lebens ausspuckt. Oder so ähnlich. Bis dahin versuche ich etwas beizutragen. Damit ich meinen Kindern später mal nicht sagen muss, ich hätte tatenlos zugesehen, als das so lange gedauert hat mit der Inklusion.

Bei der nächsten Begegnung mit einem behinderten Menschen also bitte ganz stark sein: Wir sind keine Glückskeks-Generatoren.

Und in meinem speziellen Fall: Bringen Sie Erdbeeren mit!

Big in Berlin tonight! – Reisetipps gesucht

Hals über Kopf bin ich von Platz 30 der Nachrückerliste irgendwie doch noch in den Genuss gekommen einer Einladung des Bundestages folgen zu dürfen: Der Mitbewohner und ich fahren nach Berlin. Und das völlig unvorbereitet!

Die erste Hürde ist genommen, wir haben ein barrierefreies Hotelzimmer, weit über unserem eigentlich Budget, aber ach, was solls. Barrierefreie Zimmer in Berlin bucht man am besten nicht erst zehn Tage vorher und nicht wenn irgendeine schicke Messe in Berlin ist und alle Hotels ihre Kontingente für irgendwelche verschnarchten Firmen aufheben, denen anscheinend im letzten Moment noch einfällt zwanzig Zimmer für den doppelten, ach was, dreifachen Preis buchen zu wollen. Soll vorkommen. Anscheinend ständig. „Ja, wir man Messe, da sind Se aber spät dran!“, schallte es uns von allen Seiten entgegen. Aber wir haben jetzt ein Zimmer. Eine Station vom Hauptbahnhof weg.

Aber: Ich bin entgegen meiner sonstigen Planungswut überhaupt nicht vorbereitet. Und betrachte ich die nächsten Arbeitstage, wird das auch nichts mehr mit ausgiebiger Planung. Heute hat es schon fast eine Stunde gedauert herauszufinden wie ich zum Konferenzort am besten komme. Viertel Stunde laufen, drei Minuten S-Bahn fahren, acht minuten Umsteigen, eine Minute Bus fahren, viertel Stunde laufen. Soweit so doof. Ein Abgleich mit der Navigationsapp ergab: Es müsste auch in einer halben Stunde zu Fuß zu schaffen sein. Also laufen wir jetzt.

Ich weiß immerhin schon, dass es in S- und U-Bahnen Rampen gibt und dass man die in der Regel beim Fahrer bekommt. Danach hört es aber auf. Abzüglich der Konferenzzeit bleiben mir anderthalb Tage in Berlin. Was will ich machen? Was will ich sehen? Das letzte Mal da war ich vor über 10 Jahren und klassische Touristenziele Mauer-Reichstag-Brandenburger Tor oder Schlösser und Kirchen müssen es jetzt nicht mehr unbedingt sein. Damals war ich zwanzig Jahre alt und fotografierte Berlin in bedeutungsschwangerem Schwarzweiß. Das schien mir wohl irgendwie angebracht angesichts von so viel geschichtsbuchwichtigtem Gemäuer.

Und nun, 2016?Ich mag Fotografie und Kunst, am liebsten nicht älter als Fin de Siècle, ich mag bummeln und schöne Dinge. Ich mag Wasser, Wörter und Wissen; Essen, Atmosphäre und kleine Wunder. Ich mag die Stadt erfahren und habe dafür gefühlt viel zu wenig Zeit.

Also bitte bitte her mit den Berlin-Tipps, am besten rollstuhltauglich (aber das lässt sich dann immernoch herausfinden). Wo sollte ich am besten meine anderthalb Tage Berlin verbringen? Was sollte ich sehen, riechen, fühlen, schmecken?

Müssen-mal-reden-Mittwoch am Donnerstag: Das alte Lied vom Leiden – schade um die Paralympics

Da ich gestern viel zu viel gearbeitet habe, gibt es den Redebedarf heute am Donnerstag, denn eins ist nach meinem Fernsehausflug zu den paralympics sicher: Wir müssen mal reden. Aber dringend!

„Schaust du auch Paralympics?“, wurde ich in den letzten Tagen gleich dreimal gefragt. Nun ja: Ich bin ja im Grunde kein sportlicher Mensch und schon froh, wenn ich morgens, an meine Assistenz geklammert, die drei Schritte zwischen Duschstuhl und Waschbecken schwungvoll absolviere. Auch ohne meine Behinderung wäre ich vermutlich unsportlich und wenig sportbegeistert. Weil ich Eröffnungsshows mag und glückliche Gesicheter, internationales Zusammenkommen und ein bisschen Trubel habe ich dann doch „Paralympics geschaut“.

Wäre mein Mitbewohner nicht schon wach gewesen, er wäre es geworden. War ich anfangs noch entspannt und werkelte während der Berichterstattung an irgendwelchem Kreativkram herum, musste ich meiner Empörung bald laut Luft machen. Mein Mitbewohner eilte müde herbei, hellwach und fassungslos saßen wir beide schon bald vor dem Fernseher. Was war passiert?

Eine Athletin ist kein kleines Kind

Im Studio des ZDF wurden die Gewinner des letzten Tages interviewt. Doch die Art und Weise war einfach nur merkwürdig. Ich mag als Germanistin empfindlich sein, aber Claudia Nicoleitzik ist doch kein kleines Kind! Sie lebt mit einer Ataxie, d.h. sie hat Schwierigkeiten mit bestimmten Bereichen ihrer Bewegungskoordnination, sie wirkt feingliedrig und fragil, antwortet überlegt, vor allem ist sie eine erwachsene Frau und eine herausragende Athletin, die am Vortag eine Silbermedaille gewonnen hat. Ich frage meinen Mitbewohner ob ich überreagiere, er verneint. Der nichtbehinderte Moderator klingt als spräche er mit einem Kind und nicht mit einer Spitzensportlerin. Ich ärgere mich, doch es wird noch besser.

Audiokommentatoren am Rande der Verzweiflung

Ich schaue Sportveranstaltungen eigentlich gerne mit Audiokommentar. Ein Audiokommentar ist eine beschreibende Tonspur für Blinde und Sehbehinderte, die man über den Zweikanalton des Fernsehers abrufen kann. In Deutschland werden leider sehr wenige Filme, Sendungen oder Sportereignisse mit Audiokommentar gesendet, auch auf viel zu wenigen DVDs ist ein Audiokommentar enthalten. Ihn zu erstellen ist nicht einfach: Teams aus bis zu drei Menschen beschäftigen sich tagelang mit nichts anderem, als die Pausen zwischen den Dialogen möglichst geschickt zu nutzen um blinden oder sehbehinderten Zuschauern zu beschreiben was gerade nonverbal passiert. Wer die Türe zuschlägt, wer in welches Auto steigt und ob er durch Neukölln oder durch Sonnenblumenfelder fährt. Das ist anspruchsvoll und noch anspruchsvoller, wenn man Sportereignisse sozusagen live kommentieren muss. Schreibt man den Kommentar für einen Film, kann man immer wieder zurückspulen und die selbe Stelle noch einmal sehen, kann so lange einsprechen, bis der Text in die Lücke passt. Live geht das nicht, man weiß nie wie lange die Lücke ist, was gleich passiert und wann ein Interview gesendet wird.

Die Fußballweltmeisterschaft, oder jetzt auch die Europameisterschaft, wurden mit Audiokommentar im Zweikanalton gesendet. Und das super so, denn ohne den Audiokommentar hätte ich kein einziges Spiel gesehen. Während die Kommentaroren für den sehenden Zuschauer oft schweigen und nur die Namen der Spieler einsagen, beschreiben die Audiokommentatoren für Blinde genau was gerade auf dem Spielfeld passiert und das so gut, dass selbst ich als sehende Fußballregel-Null es kapiere und spannend finde. Die Fußballkommentatoren machen das immer wieder super, doch schon bei den Audiokommentatoren für Olympia wurde klar: Sie sind mit der Vielfalt der Sportarten überfordert und ergehen sich in eher unwichtigen Beschreibungen wie die Farbe der Haargummis und Frisurlängen.

Da der Mitbewohner blind ist, schalten wir irgendwann in den Audiokommentar, schnell ist klar: Man hat das Team von Olympia auch hier engagiert und wieder erzählt die Kommentatorin von Frisuren, Kleidungsfarben und kapiert manchmal selbst nicht so ganz was die Sportler da treiben. Ich muss einspringen, damit der Mitbewohner an manchen Stellen überhaupt versteht was die Sportler da tun. Wir sind enttäuscht und hätten uns geschultere Audiokommentatoren und mehr Sportmoderation gewünscht.

Das alte Lied vom Leiden oder „Gab es da denn keine Vorbereitung?“

Ich frage den Mitbewohner ob ihn die Farbe der Haargummis der Judoka interessiert, er verneint, also schalten wir wieder um und hören den allgemeinen Kommentar. Mittlerweile sind wir beim Tischtennis und der nächste Tiefpunkt wartet schon: Während Valentin Baus an der Platte kämpft und athletisch alles aus sich heraus holt, ist sich die Stimme aus dem off nicht zu blöde zu betonen, dass Valentin „an der Glasknochenkrankeit leidet“. In diesem kleinen Wort „leiden“ hängt eine ganze Menge: Nichtbehinderten Menschen mag das manchmal nicht klar sein, aber die Unterstellung von „Leiden“ sobald jemand eine Behinderung hat ist so 90er, nein sogar letztes Jahrtausend, das geht einfach gar nicht mehr!

Jemandem aufgrund einer Behinderung durch solch einen Satz auch ein „Leiden“ zu unterstellen ist nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern übergriffig, verletzend und diskriminierend. Niemand mit einer Behinderung leidet automatisch unter dieser. Für die meisten behinderten Menschen ist ihre Behinderung eine Eigenschaft, die manchmal mehr Aufwand erfordert als eine große Nase, aber sie managen diese selbstständig. Von Leid kann keine Rede sein. Wer behinderten Menschen automatisch auch Leiden unterstellt, begegnet ihnen nicht auf Augenhöhe, macht sie bemitleidens- und bedauernswert. So erleben sich Menschen mit Behinderung in der Regel aber nicht. Und sie so darzustellen ist völlig unangebracht. Medien haben Verantwortung, ihre Sprache zeichnet die Wahrnehmung der Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft. Wenn Menschen mit Behinderung ständig „Leid“ impliziert wird, ist es kein Wunder, dass ihnen mit Fürsorgedenken und Diskriminierung begegnet wird. Wer stellt schon jemanden ein, der ständig leidet? Wer geht schon gerne mit jemandem ins Kino, wenn er befürchten muss, dass dieser innerlich auf dem Boden wälzt und vor Leiden schreit?

Sprache zeugt davon, wie wir unsere Wirklichkeit wahrnehmen, sie schafft aber auch Wirklichkeiten. Aus dem Diskurs um eine gendergerechte Sprache kennen wir diese Überlegungen. Wer öffentlich spricht hat auch eine große Macht, vor allem, wenn er dies in einem Kontext tut, der harmlos erscheint, wie der einer Sportveranstaltung. Wenn ein Kommentator einem behinderten Athleten „Leiden“ unter seiner Behinderung unterstellt, beeinflusst er damit die Wahrnehmung seiner Zuschauer. Seine sportliche Leistung verschwindet hinter einer mitleidsschwangeren Emotionstümelei. Ganz abgesehen davon wird ein Bild von Behinderung vermittelt, das völlig überholt ist. Es übersieht völlig die soziale Dimension von Behinderung und dass die meisten Barrieren und Hemnisse zur Inklusion nicht im Individuum, sondern in der Reaktion der Gesellschaft, dem nicht angepassten Umfeld, der Ahnungslosigkeit und den Berührungsängsten bestehen.

Dass sich nicht jeder Einzelne damit auseinandergesetzt hat ist schade. aber nachvollziehbar. Von Journalisten und Kommentatoren, die Medien und damit Wirklichkeit schaffen, darf man das allerdings schon erwarten. Dass dabei manch einer daneben zielt und Anlass für Amüsierung, Genervtheit und Kopfschütteln (je nach Tagesform) bietet, passiert immer wieder. Dass ein Medienorgan wie das ZDF es allerdings nicht schafft seine Moderatoren, Kommentatoren und Journalisten vor der mehrtägigen Berichterstattung über ein internationales Behindertensportereignis entsprechend zu schulen oder sie wenigstens mal kurz danach googeln zu lassen (www.leidmedien.de kümmert sich seit Jahren um dieses Thema und ist mittlerweile bekannt genug. Es gibt Flyer vom Bundesministerium usw.) wie man denn adäquat und auf Augenhöhe über Menschen mit Behinderung berichtet, die dann drei Stunden lang pro Abend mit ihren sportlichen Leistungen im Vordergrund stehen, ist einfach nur unfassbar und zeugt von Ignoranz.

Dass das ZDF mit dem Lied vom Leid leider nicht alleine da steht, zeigt eine anderthalbminütige Internetrecherche: Valentin Baus leidet nicht nur im ZDF, sondern auch bei Sport1, Spiegel online und etlichen anderen. Lediglich Radio Bochum schafft es neutral zu formulieren, dass Herr Baus mit Glasknochen lebt und im Rollstuhl sitzt. Damit wird auch die Chance verspielt ein solches Großereignis von öffentlichem Interesse zu nutzen, um bewusst losgelöst von den alten Fürsorge- und Leid-Bildern über Menschen mit Behinderung zu berichten. Selten liefert eine Veranstaltung dazu eine so einfache Vorlage wie die Paralympics.

Der einzige Lichtblick in dieser Paralympics-Nacht bleibt der Kommentar zum Rollstuhl-Basketball. Hier kommentiert der Sprecher ein sportliches Ereignis, erklärt anfangs was anders ist als beim Basketball für Fußgänger und welchen Regeln die Klassifizierungen bei internationalen Rollstuhl-Basketballtspielen unterliegen. Danach kann es los gehen, überwiegt die Begeisterung für die sportliche Leistung, die Bewegungen, die Taktik und am Ende ist es sehr schade, dass die Mannschaft aus Deutschland unterliegt.

Das Tollste am Tag #01: Im Auto mit Bowie

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In jedem Leben passiert viel Mist, aber auch viel Tolles. Es gibt Phasen da scheint nichts zu klappen. Damit man das Tolle nicht vergisst, muss es festgehalten werden. Hier entsteht meine persönliche Liste an Tollen Dingen, erlebt auf Hüfthöhe, der Rollstuhlperspektive. Es geht darum nicht zu vergessen: Es gibt sie, die schönen Augenblicke, die aufregenden Situationen, die perfekten Momente – kurz: Das Tollste am Tag.

Es ist Freitag und ich fahre Auto. Noch vor ein paar Tagen hätte ich diesen Satz nicht schreiben können. Allein, dass ich mit über 30 Jahren endlich meinen Führerschein machen kann, ist ein kleines Wunder und ich bin voller Vorfreude auf die lockende Freiheit und Selbstbestimmung. Bis ich tatsächlich meinen Führerschein in den Händen halte werden noch viele Wochen, bis ich tatsächlich ein eigenes, speziell umgebautes Auto besitzen werde vermutlich noch Monate vergehen. Es wird noch eine Menge Papierkrieg (Hallo Land der Bürokratie!), Finanzierungsfragen, Anträge und anmaßende Manöver wie den Wechsel von einem TÜV-Bezirk in einen anderen brauchen, bis ich tatsächlich selbst mein Auto lenken werde. Aber jetzt ist erst einmal Freitag und ich lerne Autofahren. In einer der beiden einzigen Fahrschulen in diesem Bundesland, in denen das mit Elektrorollstuhl möglich ist. Ich stelle mich dabei gar nicht so doof an und habe taktisch tiefgestapelt, obwohl ich ja schon wusste: Ich bin ein Automensch, ich liebe Autofahren, ich habe schon früher 1500km-Urlaubsfahrten ohne Murren auf dem Rücksitz des Opel Kadett Caravans heinlich genossen. Ich mache das einfach gerne, es fühlt sich super für mich an. Ein bisschen wie nochmal 18 sein, ein bisschen wie Freiheit und Abenteuer.

Aber zurück zum tollsten Moment des Tages: Ich sitze im Auto, steuere den Van mit Spezialsteuerung und Gas-Brems-Hebel durch die Landschaft. Bin ein bisschen aufgeregt, will alles richtig machen, der Fahrlehrer und ich quatschen manchmal, regen uns über die Nachrichten auf, dann schweigen wir wieder. Das Radio ist ein typisches Radio und die Musik meistens dröge. Das Beste aus den 80ern, 90ern und von heute. Die Sonne scheint, es ist bestes Sommerferienwetter und dann plötzlich passt einfach alles:

Das Radio spielt David Bowies Heroes. Der Moment ist perfekt und sureal. Ich möchte meinen Fahrlehrer kneifen und wie in „The perks of being a wallflower“ rufen „Das ist der Tunnelsong!“, ich möchte mich kneifen und mir selbst zu rufen „Du lernst wirklich Autofahren. Dieser Moment ist echt. Ist das nicht verrückt? Und jetzt spielen sie auch noch Bowie, dieses Lied, auch wenn dich und das Auto keine Berliner Mauer trennt, jetzt ist alles möglich, du wirst alles schaffen!“

Natürlich würde der Fahrlehrer das nicht verstehen und sonst ist keiner im Auto. Also lächele ich, summe leise mit, schaue in die Sommerlandschaft. Innerlich bin ich euphorisch, kann mich kaum halten und weiß: Das war heute das Tollste am Tag, das war mein Moment. Und es ist wahr:

We can be heroes
Just for one day

Danke Bowie.

Foto: https://wallpaperscraft.com/

An mich mit 15: Fliegende Flamingos und Möglichkeiten

Neulich wurde ich bei einem Vortrag gefragt, wie das Heranwachsen mit einer Behinderung so war. Ob es nicht komisch war, das einzige, nach außen hin immer sichtbar behindert werdende Kind auf einem Kleinstadtgymnasium gewesen zu sein. Und ob es etwas gäbe, was ich meinem 15jährigen Ich gerne mit auf den Weg geben möchte. Hier kommen Sie also: Meine Gedanken für mein Ich mit 15.

„Hast du schon einmal einen Flamingo fliegen sehen? Nicht nur im Zoo im moosgrünen Wasser auf einem Bein herumstehend, nach brackigem Fisch stinkend und aus kleinen, blassen Augen ein bisschen unterkühlt in die Welt blickend. Das hast du nicht, das wissen wir beide.

Du wirst 31 sein, bis du zum ersten Mal wilde Flamingos fliegen sehen wirst. Ihr werdet den ganzen Tag durch die Camargue fahren, auf der Suche nach diesem einen besonderen Salzsee, wo sie am besten zu sehen sein sollen. Es wird ein heißer Tag sein, der Wind wird vom Meer kommen und alles salzig machen – die Haare, die Hände, die Lippen. Das klingt nach Freiheit und so fühlt es sich auch an.

Du kannst mir glauben, alles wird besser werden. Die Stadt, in der du wohnst, die Menschen um dich, auch Dirk von Lotzow lernt eines Tages singen, und du darfst ruhig vertrauen, in das was du kannst und musst dir von niemandem einreden lassen, es gäbe dabei Grenzen. Lass dich nicht so viel verunsichern von den Blicken der anderen. An den Rollstuhl in ein paar Jahren gewöhnst du dich schnell, lass dir von niemandem einreden du müsstest Angst haben. Alles wird seinen Gang nehmen, wir alle wissen, dass man es nicht aufhalten kann, dagegen musst du nicht kämpfen und wütend sein. Die eigentliche Ungerechtigkeit ist nicht dein Körper, sondern wie diese Welt, die Bürokratie, die Menschen damit umgeht. Lerne auf die anderen wütend zu sein und dich zu wehren. Verwandele die Wut in etwas positives, in deine eigene Kraft und verändere die Welt um dich. Nur ein kleines bisschen. Es ist ganz einfach und geschieht leider schon dadurch, dass du dieselben Ansprüche an das Leben stellst wie alle anderen. Die Probleme, für die du Lösungen suchen musst, kommen dann ganz von allein. Und das ist es ja schließlich, was die Welt immer wieder verändert. dass jemand Lösungen suchen muss für ein Problem, das er so nicht akzeptieren kann.

Fordere nie weniger als alle anderen auch bekommen. Lass dir nie einreden als behinderter Mensch solltest du nicht ein Leben leben wie alle anderen auch. Lass dir nie einreden du solltest nicht träumen, lachen und dieselben Möglichkeiten haben wie sie.

Denk an den Flamingo, wie unbeholfen sein Staken im Wasser aussieht. Wie sein Schnabel wirkt, als wäre er am Kopf verdreht worden. Wie blassweißlichfahl anders sein Gefieder eigentlich ist, wenn er keinen Farbstoff frisst. Wie knubbelig rau seine Beine aussehen und dass er klingt wie eine Mischung aus Graugans und rostiger Türe, wenn er den Schnabel aufmacht.

Ich bin jetzt 31 und habe diesen Sommer wilde Flamingos fliegen sehen. Erst stehen sie stumm auf einem oder zwei Beinen, fischen ein bisschen im Wasser, oder staksen unbeholfen umher. Dann recken sie ihre Hälse, spreizen zum ersten Mal die Federn. Da kannst du es schon sehen, grellpink und schwarz blitzt es darunter hervor. Du hast zum ersten Mal eine Ahnung, dass das, was du bisher gesehen hast, nicht alles ist. Dass da noch mehr wartet, sonst gut verborgen. Als nächstes falten sie ihre Flügel auseinander und das typische Flamingopink wird sichtbar, sie recken sich, schlagen probehalber ein bisschen und dann beginnen sie zu laufen. Erst eckig, dann immer schneller, das Wasser spritzt, du denkst, das kann ja nicht gut gehen, gleich brechen sie sich was und dann, wenn du schon fast nicht mehr daran glaubst, dann lösen sich ihre Beine endlich vom Boden, dann trägt sie die Luft und die Flügel werden zu Schwingen, schlagen auf und ab und sie gleiten weiter nach oben, gleiten über den blauen Himmel, von unten wie Pinselstriche in pink und schwarz. Glatt liegen sie in der Luft und immer schneller werden sie. Ihr Körper bildet eine stromlinienförmige Gerade und die Flügel scheinen mit jedem Schlag größer zu werden bis sie nur noch eins sind: Eine farbenfrohe fliegende Bewegung und ein glückliches Gefühl in der Magengrube bei jedem, der sie betrachtet.

Der Flamingo weiß, dass er fliegen kann, auch wenn man ihm es nicht ansieht. Und du weißt: Wenn Flamingos fliegen können, dann ist alles möglich. Es braucht vielleicht manchmal ein bisschen mehr Anlauf, aber du hast dieselben Möglichkeiten verdient, wie jeder andere auch.

Wenn ich könnte, würde ich dir eine Welt schenken, die das auch verstanden hat. Weil ich das nicht kann, müssen wir täglich daran arbeiten, dass es anders wird. Das ist erschreckend einfach, das habe ich dir schon erzählt. Du musst nur versuchen so zu leben wie alle anderen. Erwarte genauso viel wie alle anderen, gib dich nicht mit weniger zufrieden als für andere selbstverständlich ist. Stelle dieselben Ansprüche, auch wenn dich manchmal keiner versteht.

Ich habe Flamingos fliegen sehen.
Ich weiß, dass es geht.