Loslassen und weiteratmen

Manchmal weiß ich nicht, wo diese zehn Jahre hin sind. Und dass es jetzt schon zwei Jahre her sein soll, dass sie zu Ende gingen. Dass etwas zu Ende ging, von dem ich dachte es würde ewig halten. Für immer. Weil der Alltag so gut funktioniert hat. Weil wir so eingespielt waren. Weil wir uns kannten und schon wusste worüber der andere gleich lachen wird. Weil ich dem Entliebten so gerne die Welt beschrieben habe. Weil es einen Ort gab, an dem meine Worte ankommen konnten.

Vielleicht war das die grenzenlose Naivität eines Kindes aus intakter Ehe. Von Eltern, die sich noch immer lieben. Vielleicht dachte ich deshalb, das würde immer so bleiben. Und verdrängt, dass ich schon längst nicht mehr geliebt wurde. Dass ich nicht mehr Geliebte, sondern nur noch geliebte Gewohnheit war. Vielleicht ist das Schlimmste am Ende einer langen Beziehung, dass man so ungeübt im Umgang mit Zurückweisung ist. Man ist doch jahrelang angenommen worden. Ich hatte das entlieben verlernt und vergessen wie lange das dauert. Nach all den Jahren.

Dass das alles schon fast zwei Jahre her sein soll ist verwunderlich. Noch immer begegne ich Menschen, die es noch nicht wissen und mich fragen, wie es dem Entliebten so geht. Ich übe mich im verbalen Schulterzucken und lächeln. Und hoffe es geht ihm gut. Trotz alledem.

Und doch fühlt es sich manchmal so an, als hätte mir etwas diese zehn Jahre gestohlen. Als wäre ich um einen wichtigen Teil meines Lebens betrogen worden. Die Zeit zwischen 22 und 32. Die Zeit in der andere Menschen Bücher geschrieben, Kinder bekommen, geheiratet, Firmen gegründet oder ein Haus gebaut haben. Oder wenigstens einen Baum gepflanzt und einen Amazonas-Flussdelfin adoptiert. Was habe ich in dieser Zeit geschafft?

Einen Studienabschluss in Geisteswissenschaften, meine berufliche Etablierung und vorerst den Kampf für ein Leben wie alle anderen gewonnen zu haben. Ich lebe endlich in einer Wohnung, die meinen Bedürfnissen entspricht. Aber immernoch nicht am Meer. Ich habe keine Kinder, kein Wohneigentum, kein Buch und auch keinen Amazonas-Flussdelfin. Nichtmal eine Schildkröte.

Manchmal fehlen sie mir, diese zehn Jahre, dann sticht es noch immer leise unterhalb des Brustbeins. Es ist kein lauter Schmerz, eher ein Stirnrunzeln der Gefühle, eine kleine Unzufriedenheit. Das Gefühl etwas vergeudetet und verpasst zu haben. Auch wenn ich natürlich gewachsen bin, so viel erlebt habe. Es schmerzen die Dinge, die ich aus Liebe nicht getan habe. Die ich mich nicht getraut habe. Die ich uns nicht zugetraut habe. Es schmerzt der Verlust der Hoffnung, die diese Jahre getragen hat, des Zuhauses und all der Dinge, die jetzt eigentlich hätten folgen sollen. Für die ich gerade zum Sprung angesetzt hatte. Und das Wissen, dass ich nicht mehr ewig Zeit habe.

Wie mühsam neu anzufangen, neuen Menschen Vertrauen zu schenken. Von Neuem beginnen. Wieder am Anfang stehen. Die verlorene Zeit bleibt verloren. Und die Unsicherheit und Gewissheit, dass wir nie ganz sicher für immer sagen können, denn der Kopf und das Herz des anderen bleiben doch kleine schwarze Kisten, in die wir nicht schauen können, auch wenn jemand das Herz noch so sehr auf der Zunge trägt.

Dann bleibt nur die Gedanken verscheuchen, den Schmerz über zehn verlorene Jahre abzuschütteln und auf das zu schauen was bleibt. Das was ich geworden bin. Das was ich gelernt habe. Mittlerweile weiß ich ganz sicher, egal was noch passiert: Ich kann das – loslassen und weiteratmen.

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Das Tollste am Tag #02: Und dann singt Judith über Elefanten

In jedem Leben passiert viel Mist, aber auch viel Tolles. Es gibt Phasen da scheint nichts zu klappen. Damit man das Tolle nicht vergisst, muss es festgehalten werden. Hier entsteht meine persönliche Liste an Tollen Dingen, erlebt auf Hüfthöhe, der Rollstuhlperspektive. Es geht darum nicht zu vergessen: Es gibt sie, die schönen Augenblicke, die aufregenden Situationen, die perfekten Momente – kurz: Das Tollste am Tag.

Es ist Samstag und unglaublich heiß in diesem Gewölbekeller, in dem ich schon so viele Konzerte gesehen habe. In dessen klapperigem Aufzug ich immer kurz die Luft anhalte, ob er mich auch wieder heil ausspuckt, in dem ich geliebt, getanzt und geweint habe. Aber heute bin ich mit Löwenherz da, der Großkatze meines Vertrauens und auf der Bühne gibt Judith Holofernes in einer schillerndgrünen Mischung aus Drachenhaut und Regenmantel alles was ein Mensch geben kann. Wir sind vor einer der gemauerten Säulen gelandet, die das Gewölbe gleich Fliegenpilzstielen tragen, und der Schall wiederhallt von allen Seiten. Musik überall. Weiterlesen „Das Tollste am Tag #02: Und dann singt Judith über Elefanten“

An mich mit 15: Fliegende Flamingos und Möglichkeiten

Neulich wurde ich bei einem Vortrag gefragt, wie das Heranwachsen mit einer Behinderung so war. Ob es nicht komisch war, das einzige, nach außen hin immer sichtbar behindert werdende Kind auf einem Kleinstadtgymnasium gewesen zu sein. Und ob es etwas gäbe, was ich meinem 15jährigen Ich gerne mit auf den Weg geben möchte. Hier kommen Sie also: Meine Gedanken für mein Ich mit 15.

„Hast du schon einmal einen Flamingo fliegen sehen? Nicht nur im Zoo im moosgrünen Wasser auf einem Bein herumstehend, nach brackigem Fisch stinkend und aus kleinen, blassen Augen ein bisschen unterkühlt in die Welt blickend. Das hast du nicht, das wissen wir beide.

Du wirst 31 sein, bis du zum ersten Mal wilde Flamingos fliegen sehen wirst. Ihr werdet den ganzen Tag durch die Camargue fahren, auf der Suche nach diesem einen besonderen Salzsee, wo sie am besten zu sehen sein sollen. Es wird ein heißer Tag sein, der Wind wird vom Meer kommen und alles salzig machen – die Haare, die Hände, die Lippen. Das klingt nach Freiheit und so fühlt es sich auch an.

Du kannst mir glauben, alles wird besser werden. Die Stadt, in der du wohnst, die Menschen um dich, auch Dirk von Lotzow lernt eines Tages singen, und du darfst ruhig vertrauen, in das was du kannst und musst dir von niemandem einreden lassen, es gäbe dabei Grenzen. Lass dich nicht so viel verunsichern von den Blicken der anderen. An den Rollstuhl in ein paar Jahren gewöhnst du dich schnell, lass dir von niemandem einreden du müsstest Angst haben. Alles wird seinen Gang nehmen, wir alle wissen, dass man es nicht aufhalten kann, dagegen musst du nicht kämpfen und wütend sein. Die eigentliche Ungerechtigkeit ist nicht dein Körper, sondern wie diese Welt, die Bürokratie, die Menschen damit umgeht. Lerne auf die anderen wütend zu sein und dich zu wehren. Verwandele die Wut in etwas positives, in deine eigene Kraft und verändere die Welt um dich. Nur ein kleines bisschen. Es ist ganz einfach und geschieht leider schon dadurch, dass du dieselben Ansprüche an das Leben stellst wie alle anderen. Die Probleme, für die du Lösungen suchen musst, kommen dann ganz von allein. Und das ist es ja schließlich, was die Welt immer wieder verändert. dass jemand Lösungen suchen muss für ein Problem, das er so nicht akzeptieren kann.

Fordere nie weniger als alle anderen auch bekommen. Lass dir nie einreden als behinderter Mensch solltest du nicht ein Leben leben wie alle anderen auch. Lass dir nie einreden du solltest nicht träumen, lachen und dieselben Möglichkeiten haben wie sie.

Denk an den Flamingo, wie unbeholfen sein Staken im Wasser aussieht. Wie sein Schnabel wirkt, als wäre er am Kopf verdreht worden. Wie blassweißlichfahl anders sein Gefieder eigentlich ist, wenn er keinen Farbstoff frisst. Wie knubbelig rau seine Beine aussehen und dass er klingt wie eine Mischung aus Graugans und rostiger Türe, wenn er den Schnabel aufmacht.

Ich bin jetzt 31 und habe diesen Sommer wilde Flamingos fliegen sehen. Erst stehen sie stumm auf einem oder zwei Beinen, fischen ein bisschen im Wasser, oder staksen unbeholfen umher. Dann recken sie ihre Hälse, spreizen zum ersten Mal die Federn. Da kannst du es schon sehen, grellpink und schwarz blitzt es darunter hervor. Du hast zum ersten Mal eine Ahnung, dass das, was du bisher gesehen hast, nicht alles ist. Dass da noch mehr wartet, sonst gut verborgen. Als nächstes falten sie ihre Flügel auseinander und das typische Flamingopink wird sichtbar, sie recken sich, schlagen probehalber ein bisschen und dann beginnen sie zu laufen. Erst eckig, dann immer schneller, das Wasser spritzt, du denkst, das kann ja nicht gut gehen, gleich brechen sie sich was und dann, wenn du schon fast nicht mehr daran glaubst, dann lösen sich ihre Beine endlich vom Boden, dann trägt sie die Luft und die Flügel werden zu Schwingen, schlagen auf und ab und sie gleiten weiter nach oben, gleiten über den blauen Himmel, von unten wie Pinselstriche in pink und schwarz. Glatt liegen sie in der Luft und immer schneller werden sie. Ihr Körper bildet eine stromlinienförmige Gerade und die Flügel scheinen mit jedem Schlag größer zu werden bis sie nur noch eins sind: Eine farbenfrohe fliegende Bewegung und ein glückliches Gefühl in der Magengrube bei jedem, der sie betrachtet.

Der Flamingo weiß, dass er fliegen kann, auch wenn man ihm es nicht ansieht. Und du weißt: Wenn Flamingos fliegen können, dann ist alles möglich. Es braucht vielleicht manchmal ein bisschen mehr Anlauf, aber du hast dieselben Möglichkeiten verdient, wie jeder andere auch.

Wenn ich könnte, würde ich dir eine Welt schenken, die das auch verstanden hat. Weil ich das nicht kann, müssen wir täglich daran arbeiten, dass es anders wird. Das ist erschreckend einfach, das habe ich dir schon erzählt. Du musst nur versuchen so zu leben wie alle anderen. Erwarte genauso viel wie alle anderen, gib dich nicht mit weniger zufrieden als für andere selbstverständlich ist. Stelle dieselben Ansprüche, auch wenn dich manchmal keiner versteht.

Ich habe Flamingos fliegen sehen.
Ich weiß, dass es geht.