Auf – Auf – 2016!

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?“ fragt Erich Kästner alljährlich um dann zu folgern „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“

So habe ich es die meisten Jahre mit den neuen dreihundertfünfundsechzig Tagen gehalten, die vor mir lagen. Auf 2016 bin ich allerdings gespannt. Ich fange eine neue Stelle an und wechsele von der Öffentlichkeitsarbeit in die Politik. Zwar nur im Kommunalen, aber ich kann eine Menge verändern, diese Stadt auch für Menschen mit Behinderung zu einer besseren machen. Noch nie hatte ich eine Stelle mit so viel Verantwortung – etwas was mich reizt, aber auch ziemlich aufgeregt macht.

Nach meinem Studium war die Situation eher ernüchternd. Schnell wurde klar, meine Annahme, dass je mehr Bildung ich erlange, es desto einfacher wird auch Arbeit zu finden, da ich ja bewiesen habe, dass ich, trotz offensichtlicher körperlicher Einschränkung, ein funktionierendes Gehirn und flinke Finger habe, zerplatzte. Für vieles war ich jetzt überqualifiziert und die Jobs, für die ich qualifiziert war, wollte man mir nicht geben. Man traute einem Menschen mit Behinderung so viel Verantwortung nicht zu.

Doch ein Glück gab es mutige Arbeitgeber und Stellen, auf die ich so gut passte wie auf diese neue. Damit verbunden sind noch mehr Aufgeregtheiten. Da meine Stelle viele Ortswechsel und Außentermine mit sich bringt, könnte ich zum ersten Mal reelle Chancen auf einen Zuschuss für einen Autoumbau haben. Ohne dieses Geld war die Anschaffung eines auf mich zugeschnittenen Autos bisher leider nicht möglich. Und noch besser: Ich könnte selbst fahren und mit einunddreißig Jahren endlich den Führerschein machen. Für jemanden, der dies seit seinem achtzehnten Lebensjahr hat sicherlich nichts besonderes, für mich ein weiteres Stück Enthinderung, Bewegungsfreiheit und Emanzipation.

2016 wird auch ein spannendes Jahr, weil das neue Bundesteilhabegesetz vorgestellt werden soll. Ein Gesetz, von dem sich viele Menschen mit Behinderung, unter anderem auch ich, direkte Verbesserungen für ihre Lebenssituation erhoffen. Eine Anhebung der Verdienstgrenze und der Vermögensgrenzen bei der Finanzierung von Assistenzleistungen oder die generelle Herauslösung von Eingliederungshilfe und Hilfe zur Pflege aus der Sozialhilfe. Bisher darf ich von meinem schicken und äußerst wertschätzenden neuen Gehalt nämlich nur einen Bruchteil behalten. 2016 könnten also die, laut der Monitoringstelle für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gravierendsten Ungleichheits- und Diskriminierungsfaktoren beseitigt werden.

Für mich selbst wird es körperlich auch ein spannendes Jahr. Ich werde einen neuen Spezialisten aufsuchen und die Frage klären, ob meine Kopfschmerzen etwas mit Sauerstoffmangel in der Nacht zu tun haben könnten. Dann wäre meine progressive Muskelerkrankung an einem neuen Wendepunkt angelangt. Das macht mir keine Angst, denn bisher habe ich alle körperlichen Veränderungen und Verschlechterungen irgendwie organisieren und meistens auch mit Hilfsmitteln und Assistenz ausgleichen können, aber aufregend wird es wiederum allemal und ich habe es nun lange genug vor mir her geschoben.

2016 wird also mehr als nur lebensgefährlich  – 2016 ist ein Jahr, auf das ich mich wirklich freue.