Jetzt bitte ganz stark sein #01: Kein Glückskeks-Generator

Es gibt Momente, da muss man ganz stark sein. Zum Beispiel, wenn Vorurteile fallen und das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Diese Reihe ist ein kleiner Service zur Entzauberung der Wirklichkeit. Und das tut gar nicht weh. Versprochen!

Oft denken Menschen ja, wer behindert ist, der kennt die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der freut sich über seinen Grashalm, der strebt nur nach dem momentanen Glück, dem reicht es, wenn die Sonne scheint und ihn jemand anlächelt. Oft wurde ich behandelt wie ein goldener Drache der Weisheit, wie ein Buddha, dem man nur über den dicken Bauch streicheln muss und schon spuckt er eine Lebensweisheit aus, die jeden Glückskeks vor Neid zerbröseln lässt.

Nun ist mein Bauch zwar dick, aber  naja… man ahnt es schon, so einfach ist das nicht! Jetzt bitte einmal tief durchatmen und ganz stark sein: Nur weil jemand am laufenden Band schwächer wird, geraten die Dinge nicht automatisch in eine größere, alles weltliche negierende, Relation. Nur weil sich jemand nicht mehr so bewegen kann, erlöschen nicht automatisch alle Macht-, Konsum-, oder körperlichen Bedürfnisse.

Kurz gesagt: Eine Behinderung macht aus niemandem einen besseren Menschen. Wer ohne Behinderung eine olle Pottsau war, der ist es auch mit. Und nur weil ich einen Rollstuhl zur Fortbewegung nutze, heißt das nicht, dass ich nicht auch von Dingen wie Anerkennung und Karriere, einem Haus am Atlantik (hier bitte die Immobilie der Wahl einsetzen) und diesem tollen Kleid, das ich mir gerade einfach nicht leisten kann, träume.

Natürlich wäre ich das gerne: Selbstlos, grundgütig, immer geduldig und immer mit einem huldvollen Lächeln, über all die Wesen, die den höheren Sinn des Daseins nicht verstanden haben und sich mit irdischen Dingen abgeben. Die Wahrheit: So bin ich nicht. Vielleicht zum Glück, denn vermutlich wäre so ein Leben ziemlich langweilig. Würde ich mich immer mit dem zufrieden geben was ich habe, hätte ich nie etwas gewollt, dann hätte ich nie etwas erreicht und nichts verändert.

Natürlich weiß ich, woher diese Vorurteile kommen. Ich bin klug. Und wer sich nicht bewegen kann, hat viel Zeit zum Beobachten. Wer dazu noch reflektieren kann, der macht sich seinen eigenen Reim auf die Dinge. Ich kann mich sprachlich ausdrücken. Deswegen werde ich aber trotzdem grantig, wenn es keine Erdbeeren gibt. Und deswegen habe ich nicht automatisch mehr vom Leben verstanden als jeder anderen. Deswegen bin ich trotzdem grottenschlecht in Mathe und manchmal wie jeder andere auch egoistisch und unfair. Das ist nicht schlimm. Denn man kann mit mir Musik hören, kochen, um die Häuser ziehen, nachdenklich und albern sein wie mit anderen Menschen auch. Es gibt keinen Grund für Positiv-Diskriminierung. Ich, und ich vermute mal die meisten anderen Menschen mit Behinderung auch, haben Ecken und Kante, Schwächen und Talente und können damit ernst genommen werden wie jeder andere auch.

Da steckt nämlich der Beigeschmack vom Buddha-Sockel: Jemand, der über den Dingen steht, ist wieder nicht auf Augenhöhe, kommt wieder nicht als Partner, Arbeitnehmer oder Nachbar in Frage. Jemand, der niedliche Poesiealbum-Weisheiten produziert, dem kann man tief in die Augen blicken und den Kopf tätscheln, gerührt und ein bisschen beeindruckt sein. Aber ernstnehmen muss man ihn nicht.

Mein Leben ist das gegenteil von Poesiealbum. Ich halte nichts von salbungsvollen Sprüchen. Dafür liebe ich anspruchsvolle Wortgewandtheit. Ich bin Atheistin. Ich weiß nicht wohin das Ganze führt. Ich warte wie alle auf das goldene Raumschiff, das eines Tages landet und den Sinn des Lebens ausspuckt. Oder so ähnlich. Bis dahin versuche ich etwas beizutragen. Damit ich meinen Kindern später mal nicht sagen muss, ich hätte tatenlos zugesehen, als das so lange gedauert hat mit der Inklusion.

Bei der nächsten Begegnung mit einem behinderten Menschen also bitte ganz stark sein: Wir sind keine Glückskeks-Generatoren.

Und in meinem speziellen Fall: Bringen Sie Erdbeeren mit!

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