Wer – Wie – Was

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Wenn Sie an mir vorbei gingen, würde mir vermutlich zuerst Ihr Hintern auffallen, welche Hose sie tragen oder ob ihr Rock etwas zu kurz ist. Ich würde Ihre Schuhe bewundern oder hässlich finden und das kleine Muttermal an Ihrem Knöchel würde mir definitiv auffallen. Das alles wäre keine Ignoranz und auch kein seltsamer Fetisch. Wer wie ich das Leben auf Hüfthöhe erlebt, nimmt automatisch eine andere Perspektive ein und wird anders wahrgenommen. Darüber mag man sich schon mal aufregen, es ist einem an manchen Tagen lästig und manchmal sogar wirklich diskriminierend. Es birgt aber auch eine Chance: Im Sitzen, mit Pudding in den Muskeln und eine Hand immer am Joystick erlebt man eine Menge – manches davon ist erfreulich, manches erstaunlich und auf manches hätte man gut verzichten können. Das ist nicht stark, auch nicht besonders und schon gar nicht lobenswert. Es ist einfach nur ein Leben, das Ihrem ähnlicher ist, als Sie jetzt gerade denken.

Absurd oder lustig, anders und berichtenswert macht es erst die Reaktion der Umwelt, die Hindernisse und Barrieren, aber auch die guten Momente in denen so etwas wie Inklusion tatsächlich möglich wird.

Was Sie vielleicht über mich wissen sollten:

Nach 31 Jahren mit einer Muskelerkrankung habe ich nicht nur Germanistik, Politik und Soziologie studiert, sondern auch drei Rollstühle überlebt, in der Öffentlichkeitsarbeit gearbeitet und zuletzt in die Kommunalpolitik gewechselt. Es ist an der Zeit das, was ich in Vorträgen, Gesprächen und Verhandlungen erzähle, auch mit einem breiteren Publikum zu teilen. Denn darum geht es im Kern: Nicht nur um Rampen, induktive Höranlagen und Blindenleitsysteme. Es geht um das Erzählen, das Erklären, das Mitteilen. Angst macht uns nur das, was wir nicht kennen.

Über 10 Jahre habe ich auf jetzt.de mit anderen Nutzern und der Webwelt meine Gedanken und Gefühle, erlebtes und erdachtes geteilt. Als die Macher von jetzt.de im Januar 2016 endgültig den Communityteil der Seite geschlossen und damit den Nutzercontent verbannt haben, habe ich zunächst etwas verloren, was einen wesentlichen Teil meiner Identität mitgeprägt hat. Das Erzählen, das Schreiben, das Mitteilen, den Kampf mit Worten, dafür dass Menschen mit Behinderungen automatisch mitgedacht und nicht vergessen werden, dass das beklemmende Gefühl in Ihrer Magengegend erst gar nicht aufkommt, wenn Sie das nächste Mal einem Menschen mit Behinderung begegnen. Dafür, dass Sie merken, wie normal ein Leben mit Behinderung ist und wer in den Rollstühlen steckt.

Was Sie vielleicht auch noch wissen sollten:

Ich liebe das Meer, grünen Wackelpudding und Freilichtmuseen. Mit Rauhfasertapete, dem Wort „Happen“ und schlechter Musik können Sie mich allerdings jagen. Wenn Sie Quietsch- und Pfeiftöne wie ein Wal machen können, erkenne ich Sie definitiv.

Dies ist nicht nur noch ein „Behindi-Blog“ zum leidigen Thema Inklusion, sondern auch die Weltsicht eines Menschen, dem Worte, Bilder und Menschen am Herzen liegen.

In diesem Sinne: Auf die Worte, Bordsteinabsenkungen für alle und das Leben!

– Sartje Boterbloem –

 

 

 

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